Sendezeiten

Während der Nachwuchs auf der Babywagenfahrt zur Krabbelgruppe friedlich den Morgen verschlummert, vertreibe ich mir gerne die Spatzierzeit mit Hörbuchern. Derzeit lausche ich dem neuesten Houellebecq. Besonders genieße ich den fast unmöglichen Alltagsquantensprungspagat, wenn ich vor Ort angekommen die Kopfhörer absetze und vom erzählten Aufeinandertreffen von saftigen Mösen und glänzend geleckten Prügelschwänzen auf das Intonieren von Mein Dackel Waldemar und ich in Mitten beschwingter Neumamis umzuswitschen habe. So einen Turn gibt es im Fernsehen gar nicht: Das Eine läuft zu maximal entgegengesetzten Sendezeiten des Anderen.
Gekrönt wurde das Ganze, als ich heute auf der Rückfahrt von einem Herrn angesprochen wurde, der mich in der Altstadt mit dem Fingerzeig auf ein Obdachlosennachtquartier darauf hinwies, dass er immer traurig werde, wenn er so etwas sähe. Also, weil ein so reiches Land wie Deutschland sich sowas nicht geben müsste. Es müssten nur alle dran arbeiten. Er selbst habe den Weg in die Selbständigkeit gewählt, weil man mit einem Chef vor der Nase aus dem Hamsterkäfig nicht rauskomme. Dabei sei das Escapen ganz simpel, er würde das jedem empfehlen, man müsse nur, aber er wolle mich nicht aufhalten und sei auch selbst gerade auf dem Sprung zu einem Terminmeeting. Weg war er.
Und da habe ich mir gedacht: Das probierst du auch mal aus! Einfach mal Jung-Deutschland in der Fußgängerzone die Ohrendeckel von der Rübe hauen und sagen:

Also das mit den Waffenschiebereien und dem Hunger auf der Welt, wo letzten Endes alle bei drauf gehen, das müsste sich diese Welt doch eigentlich nicht geben. Ich habe da ein Globalisierungsfriedenskonzept, für sowas interessiere die Jugend sich doch? Eigentlich ganz einfach, es muss nur jeder ein Mal in der Woche JA SCHEISSE DA KOMMTMEINE BAHN!

Dann heftig trampelnd Reisaus nehmen und einem nicht sichtbahren Gefährt hinterher jagen.

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Warteschlangenlogik

fussgaengerzone Hinter mir an der Supermarktkasse schlurfen zwei Rentner an, um sich in die Warteschlange einzureihen.

Waldorf Wenn ich eben stehen geblieben wäre, wäre ich jetzt viel weiter vorne. Ich war schon eben hier.

Statler Ich war schon vorige Woche hier.

(Rentnergelächter.)

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Seconhandladeneskalation

Kundin Ich interessiere mich für das Kleid auf der Anziehpuppe dort drüben…
Verkäuferin Ach ja?
Kundin Würden Sie mir helfen, es abzuziehen?
Verkäuferin Ich weiß nicht, ob das geht.
Kundin Man muss einfach nur anheben, denke ich.
Verkäuferin Das passt Ihnen nie.
Kundin Woher wollen Sie das wissen?
Verkäuferin Das ist 38.
Kundin Was denken Sie, dass ich habe?
Verkäuferin Keine 38.
Kundin Aber nicht viel mehr.
Verkäuferin Das passt Ihnen nie.
Kundin Könnten Sie mir den Schrank mit den Gläsern aufschließen?
Verkäuferin Wollen Sie die angucken?
Kundin Kaufen.
Verkäuferin Ich hab jetzt Feierabend.

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Lokführerstreik

Ich vertrete mir kurz vor dem Essener Hauptbahnhof die Füße und treffe auf einen Zugbegleiter, der sich gerade eine Zigarettenpause gönnt.

„Na, morgen großer Streiktag?“

– „Na, das werden wir mal sehen. Genau weiß noch keiner, was morgen los ist. Eigentlich alles ein ganz großer Schwachsinn. Und wenn die sich morgen wieder wie beim letzten Mal zum Grillen verabreden, die Lokführer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch einmal Ärger gibt.“

„Der Vorsitzende der GDL war ja früher auch Lokführer.“

– „Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wisselski oder wie der heißt, den kümmert es doch einen Scheiss, ob die Leute hinterher 3% mehr oder 5% mehr bekommen. Sie können morgen aber auf jeden Fall den RE2 nehmen, die fährt.“

„Aber wenn nach so einer Ankündigung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgendwie unglaubwürdig.“

– „Ich muss ja sowieso morgen antreten, ich darf nicht streiken. Sie können auch über Bielefeld fahren. Der RE6 fährt auch. Je nachdem, wohin Sie wollen.“

„Nanu? Wieso dürfen sie nicht streiken?“

– „Ich bin beim Subunternehmen angestellt. Wir kommen morgen hier zum Bahnsteig, und dann wird uns gesagt, wo wir fahren. Oder wir rauchen uns stundenlang eine. Das wird eine Scheisse. In Deutschland müssen Sie Millionen auf der hohen Kante haben oder sie haben die Arschkarte.“

„Ein Subunternehmen, das ihren Angestellten Namensschilder der Deutschen Bahn zur Verfügung stellt?“

– „Gut, ne?“

„Ganz großes Kino.“

– „Ja, die Bahn ist halt inzwischen ein wirtschaftsorientiertes, nee, warten Sie, wie heißt das noch? Ein kostenoptimierendes Unternehmen. Ich muss jetzt wieder rein. Schönen Abend noch!“

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Hoeneß

Da treffe ich den Uli an der Wurstbraterei, wie er sein Würstchen gerade in den Senf auf der Pappschale tunkt. Bestimmt wie immer, mäßig Anteil nehmend an seiner Umgebung. Und irgendwie bleibt man doch nicht schweigend daneben stehen.

“Alles gut?”

– “Was soll schon sein? Läuft alles.”

“Naja, die Presse und die Staatsanwaltschaft sitzt dir doch im Nacken. Angenehm ist das doch sicherlich nicht.”

– “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer darauf verlassen, selbst zu kämpfen. Immer. Sowas schockiert mich nicht sonderlich. Und wenn man dann so grandios gegen den wichtigsten Fussballverein der Welt gewinnt, dann bestätigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgendwelche Hinterzimmeradvokaten.”

“Aber genau die können dir doch ans Bein pinkeln.”

– “Das ist auch nichts Neues. Wenn sie so lange einem Verein vorstehen, da müssen sie wissen, wie sie mit Leuten umgehen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weniger Eitelkeit, als vielmehr Selbstbehauptung und der Erfolg zeigt, dass das im Sinne der Sache war.”

“Und wo bleibt die Rückendeckung, außer von Franz und Kalle?”

– “Da draußen wird kein Fußball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es keine Manndeckung, da wird nicht abgepfiffen, wenn jemand dich foult. Da musst du vorsorgen. Schau, die Spanier waren ja vorbildich, was ihre Netzwerkarbeit anging. Nur war die viel zu stark vom Finanziellen abhängig. Bei uns wirken zudem andere Kräfte. Wir sind nicht so finanzstark, dafür kippen wir nicht um, wenn eine Säule instabil ist. Und bei mir funktioniert das ähnlich.”

“Das heißt, dein Einfluss wird nicht weniger, selbst wenn du fallen solltest?”

– “Das werden wir ja noch sehen.”,

sagte Ulli, biss noch einmal von seiner gesenften Bratwurst ab, schiefte ordentlich in sein Stofftaschentusch, warf die gebrauchte Pappschale in den übervollen Müllkorb, nickte mir bestimmt zu und schlurfte zu seinem Audi rüber, den er mit seiner Schlüsselfernbedienung aufblinken ließ.

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Lauter Loser

Neulich traf ich Gott in meiner Stammkneipe und zwischen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

“Sag mal, was ist denn da oben eigentlich los? Ein sparsüchtiger Argentinier wird Papst, durch die Wirtschaft verlottert die Moral und das Wetter passt doch auch vorne und hinten nicht.”

– “Ach, hör bloß auf!”

“Na, sag doch!”

– “Das war damals wunderbar geplant: Die Moral wird an die Kirche outgesourced und wir können uns da oben einen schönen Lenz machen, uns mehr um das Große und Ganze kümmern, du verstehst?”

“Das Große und Ganze?”

– “Ich wollte eine zweite Welt erschaffen, mit weniger Bugs. So mit stärkerem Prozessor, aber dieses Mal intern, nicht extern, verstehste, geilerer Grafik sowieso, aktuellere Netzwerktechnik, bessere Kondensatoren, sowas halt – und irgendwo energiesparender.”

“Woran haperte es denn?”

– “Ja, konnte unsereins denn ahnen, dass man wegen dem Altteil da immer um Support gebeten werden? Dauernd zankt sich wer, dauernd verzweifelt wer, dauernd wundert sich einer, dass er das Teil wirklich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Weiterentwicklung kümmert sich keiner so recht, nur um Unterhaltung.”

“Aber die Religionen versuchen ja immerhin, den Laden zusammen zu halten.”

– “Ja, genau! Was die Religionen sich da zusammenspinnen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll angeblich alles auch noch gesagt und befohlen haben. Na, schönen Dank auch. Als hätte ich nichts besseres zu tun als tausendseitige Betriebsanleitungen rauszugeben. Und da soll ich mich auch noch ums Wetter kümmern. Ja, bin ich denn der Hausmeister, oder was? Ich habe sowas komplexes wie die Erdanziehungskraft ertüftelt, aber auf die Idee, einen Hausmeister einzustellen, bin ich nicht gekommen, oder was? Ich hab’ einfach keine Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schaute ich auf die trocknenden Bierschaumspuren am oberen Rand meines Glases bis mich der Gläser putzende Barkeeper antippte: “Lass ihn einfach, heute ist nur einer dieser Tage.”

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Großstadt

A large city cannot be experientially known;
its life is too manifold for any individual
to be able to participate in it.

Aldous Huxley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Ausgabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Freundin und ihre Freundin kommen erst in einer halben Stunde, also starte ich ein Stadtmelancholieren, dieses Mal in einer Großstadt oder zumindest einer, die sich dafür hält: Düsseldorf. Und was einem schnell auffällt: 18 Uhr ist eine schlimmsten Uhrzeiten in Düsseldorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrradfahrer, die wenigen Passanten gehen nicht, sondern hasten über die Baustellenampeln der Fußgängerzone und dauernd patschen ohrbestöpselte Menschen auf ihre hell erleuchteten Computertelefone. Einkaufen will keiner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürgersteige hochgeklappt werden. Selbst die Kniebettler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlendere in einen Arkadenbau hinein. Auch hier: Gähnende Leere. Keine chinesische Geisterstadteinkaufspassage, aber eine gänzlich uninspirierende. Ich lehne mich an ein Geländer, da fängt unter mir Klaviermusik an. Eine Barhockersängerin intoniert Night & Day. Etwas merkwürdig, denn im Keller des Arkadenbaus ist nie zu erkennen, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Zum Verweilen lädt mich nichts ein. Ich erinnere mich an eine Passage aus Erich Kästners Fabian, in der Fabian festhält, dass Kaufhäuser unheimlich gut geeignete Orte für Streuner sind, die eh nichts kaufen, sondern sich nur aufwärmen wollen, als ich die gut gewärmte Filiale einer Buchhandelskette betrete. Hier wird mit Büchern noch Handel betrieben, ins Auge springen nur Bestseller. Gute Bücher sucht man fast vergeblich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klamottengeschäften passiert, in Bücheräden noch von Verkäufern angesprochen wurde, um bei der Literatursuche behilflich zu sein. Als ich zwei lauthals tratschende Kolleginnen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden, danke ich innerlich dafür, dass mir heute Literaturtipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgängerzone, ab zum Schauspielhaus. Ich registriere, dass kaum ein Geschäft irgendetwas hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woanders, wer holt sich diese Sachen? In der Parfümeriefiliale entdecke ich einen dieser flachbrüstigen Flakonbodyguards, der nie lächelt und seinen Blick so mechanisch schwenkt, als sei er schon ein Halbroboter, der das mit der menschlichen Kommunikation noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich einmal groß bin, werde ich Rausschmeisser.

Ich erreiche nun über bepfütztes Baustellengebiet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Betonplatten markieren die Trostlosigkeit auf dem Vorhofs des Schauspielhauses. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leerstehende, hyhnenhafte Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und entdecke im zweitobersten Stockwerk des dortigen, noch bezogenen Bürogebäudes ein vorm Computer sitzendes Hoppermotiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schauspielhaus wieder verlassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schauspielhauses, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir entgegen, dem einzigen, der da gerade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Freundin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstellungsbeginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Niederländerin aus Amsterdam, die in Düsseldorf gestrandet ist. Gestrandet ist vielleicht ein zu ästhetisches Wort. Denn Düsseldorf ist nicht schön, sagt sie. Amsterdam ist schön. Aber Düsseldorf? Nein, keine Frage, Düsseldorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hinunter in Richtung Kaiserswerth. Schön da, aber irgendwie nicht Düsseldorf. Düsseldorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schönheit der Stadt identifizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich – in Düsseldorf.

Beim Hinausgehen merkt die Freundin meiner Freundin an, dass sie es nie verstanden hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzendfach in Hamburg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innenstadt. Das sei aber ganz normal in der Woche nach der Karnevalszeit, sagt meine Freundin. Die Leute gingen einfach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depression über die Einkaufspassagen und Cafés. Ach so.

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