Zitate für Dummies (12)

Wir wer­den etwas haarspal­ter­isch, denn dieses Zitat in der heuti­gen Aus­gabe der IVZ ist fast richtig, aber halt falsch, und belegt somit, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, das Zitat zu über­prüfen, son­dern ein­fach aus irgen­dein­er Zitat­samm­lung abschreibt. Es unter­stellt Kant ein Prob­lem mit der Sprache, denn die Worte “allein” und “nur” ergeben schlech­ter­d­ings densel­ben Sinn und ergeben insofern eine sinnlose Ver­dopplung:

Nur das fröh­liche Herz allein ist fähig, Wohlge­fall­en am Guten zu empfind­en.“

Immanuel Kant (1724–1804), deutsch­er Philosoph der Aufk­lärung

Kor­rekt heißt es bei Kant:

Kinder müssen auch offen­herzig sein und so heit­er in ihren Blick­en, wie die Sonne. Das fröh­liche Herz allein ist fähig, Wohlge­fall­en am Guten zu empfind­en.

Der Zitat­fehler kommt allerd­ings schon 1803 im 16. Jahrgang der Oberdeutschen all­ge­meinen Lit­er­aturzeitung auf S. 345 vor.

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Ruhe in Frieden, Terrorzelle Ibbenbüren

Oh, POPCORN! Bei der IVZ recher­chiert man nochmal die Ter­rorzelle-Ibben­büren-Ente nach:

Dass es „salafistis­che Struk­turen im Nor­den des Mün­ster­lan­des“ gibt, wie die Sicher­heits­be­hör­den es for­mulierten, hat 2014 für Auf­se­hen gesorgt.

Naja, vor allem hat diese unbelegte Behaup­tung zu so ein­er Ente in der IVZ geführt:

Ter­rorzelle im Mün­ster­land: Salafis­ten im Raum Ibben­büren schick­en junge Mus­lime nach Syrien und in den Irak

In und um Ibben­büren haben sich offen­bar radikalis­lamis­che Kräfte etabliert, die erfol­gre­ich junge Mus­lime für die Ter­ror­gruppe „Islamis­ch­er Staat” (IS) rekru­tieren. (···) Nach Infor­ma­tio­nen unser­er Zeitung hat die Ibben­büren­er Salafis­ten­szene zehn bis 15 Mit­glieder, die sich vor­wiegend in einem Pri­vathaus tre­f­fen. „Sie unter­hal­ten inten­sive Kon­tak­te zu ein­er pak­istanis­chen Hin­ter­hof-Moschee bei Hamm und zu islamistis­chen Kreisen in Wup­per­tal”, erzählt ein Kon­tak­t­mann aus Ahlen. (···) Zur Gruppe der Salafis­ten gehört dem Vernehmen nach „ein Syr­er, mehrere türkischstäm­mige Per­so­n­en und min­destens ein Mann aus Bosnien- Herze­gow­ina”. Im Hin­ter­grund sollen „Geldge­ber mit deutschem Pass” aktiv sein. Der Ver­fas­sungss­chutz beobachtet die Aktiv­itäten im Kreis Ste­in­furt inten­siv.

Ange­blich lock­en die Islamis­ten die jun­gen Mus­lime auch mit Geld. „Sie zahlen dem­jeni­gen, der sich dem IS anschließt, bis zu 10 000 Euro”, hieß es. Ihre paramil­itärische Aus­bil­dung erhal­ten die jun­gen Extrem­is­ten ange­blich in Deutsch­land und der türkischen Stadt Antep nahe der syrischen Gren­ze.

Geldge­ber mit deutschem Pass, geheime paramil­itärische IS-Aus­bil­dungscamps in Deutsch­land – man kon­nte ja wirk­lich nicht ahnen, dass da ein­er Bull­shit erzählt.

Heute weiß man von der dama­li­gen Räu­ber­pis­tole nur noch wenig:

2014 hat­ten die islamis­chen Gemein­den in Ibben­büren beteuert, nichts von der Radikalisierung der jun­gen Män­ner geah­nt zu haben, obwohl min­destens ein­er von ihnen auch Gebet­sräume in der Stadt besucht haben soll.

Oha! “Min­destens ein­er (···) besucht haben soll” – hat die akribis­che Fake-News-Redak­tion der IVZ neue Kon­tak­t­män­ner? Gibt es geheime, paramil­itärische Aus­bil­dungscamps unter Tage? Möchte der Ver­fas­sungss­chutz noch eine wilde Speku­la­tion abgeben?

Das nördliche Mün­ster­land ist nach aktueller Ein­schätzung des Ver­fas­sungss­chutzes keine Hochburg des Salafis­mus in NRW. Natür­lich sei nicht auszuschließen, dass sich Einzelper­so­n­en selb­st­ständig radikalisieren, teilt die Press­es­telle des NRW-Innen­min­is­teri­ums mit.

Eine nieder­schmetternde Mit­teilung im Jahr der Reko­rde: Ibben­büren ist nicht mehr Hochburg des Salafis­mus in NRW. Wer hätte das gedacht? Für solche Erken­nt­nisse braucht man eben den Ver­fas­sungss­chutz.

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Zitate für Dummies (11)

Heute kommt die Kri­tik am Ausspruch

Unsere 15 Lokal- und über 30 Man­telredak­teure recher­chieren sorgfältig, über­prüfen die Nachricht­en­quellen und hin­ter­fra­gen Infor­ma­tio­nen.

etwas korinthenkack­erisch daher, aber nicht min­der tre­f­fend, denn man merkt selb­st diesem falsch wiedergegebe­nen Zitat seine Copy&Paste-Mentalität an. So ste­ht es näm­lich auf jed­er x-beliebi­gen Sprüch­e­seite:

„Wer dir als Fre­und nichts nützen kann, kann alle­mal als Feind dir schaden.“

Chris­t­ian Fürchte­gott Gellert (1715 – 1769), deutsch­er Erzäh­ler, Fabel- und Liederdichter

Im Orig­i­nal geht es aber nicht um die Quan­tität von Nutzen, son­dern um die Qual­ität von Nutzen unter Ungle­ichen:

Auf sich den Haß der Niedern laden,
Dieß stürzet oft den größten Mann.
Wer dir, als Fre­und, nicht nützen kann,
Kann alle­mal, als Feind, dir schaden.

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Der Spiegel zum Ende des Steinkohlebergbaus

Während man in Ibben­büren schmerzbe­fre­ite Berg­bau­folk­lore für 2018 ins Leben zu rufen ver­sucht, wid­met sich aus­gerech­net der SPIEGEL ein­er tief­schür­fend­eren Analyse:

Rund 200 Mil­liar­den Euro habe die Sub­ven­tion­ierung des Steinkohle­berg­baus die Steuerzahler gekostet oder werde sie noch kosten, sagt der Energieökonom Manuel Fron­del vom Rheinisch-West­fälis­chen Insti­tut für Wirtschafts­forschung: “Es ist ökonomis­ch­er Irrsinn, 1200 Meter unter der Erde Kohle abzubauen.” In Ibben­büren, einem der tief­sten Kohle­berg­w­erke Europas, geht es sog­ar noch weit­er hinab: bis auf 1500 Meter Tiefe. Es ist ein irrwitziger Aufwand, den schwarzen Stoff her­aus- und hin­aufzu­holen.

Und einen Blick auf kün­ftige Prob­leme hat man auch:

Angst vor dem Ende der Kohle­förderung haben hinge­gen viele Bewohn­er der Grund­stücke ober­halb der Stollen. Denn bis­lang ste­ht die RAG für Bergschä­den ger­ade: etwa, wenn sich der Boden absenkt und Risse in den Häusern verur­sacht. Was, wenn die Stollen geflutet wer­den und das Wass­er den Boden wieder hochdrückt? Reichen die Rück­stel­lun­gen der RAG für kün­ftige Bergschä­den aus? Oder muss der Steuerzahler ein­sprin­gen?

Fair­er Weise muss man auch sagen, dass der SPIEGEL auch schon früher entsprechend über den Ibben­büren­er Berg­bau berichtet hat:

so über­flüs­sig wie die Kohle ist auch der Strom aus Ibben­büren. Das Essen­er Rheinisch-West­fälis­che Elek­triz­itätswerk (RWE) hält den Meil­er für verzicht­bar, und das will was heißen. Vor­standsmit­glied Gün­ther Klätte fände es jeden­falls sin­nvoller, “die Kohle in die Nord­see zu schüt­ten”.

Und Lokalzeitungskri­tik gab’s oben drauf:

Das Lokalblatt, die “Ibben­büren­er Volk­szeitung”, mochte da nicht abseits ste­hen. Ein im Mün­ster­land ver­bre­it­eter Bericht über eine Aktion von Robin Wood vor dem Kraftwerk wurde für die Ibben­büren­er Leser aus­ge­tauscht: Sie fan­den dort das Pho­to ein­er 80 Jahre alten Dampf­mas­chine.

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Zitate für Dummies (9)

Unsere 15 Lokal- und über 30 Man­telredak­teure recher­chieren sorgfältig, über­prüfen die Nachricht­en­quellen und hin­ter­fra­gen Infor­ma­tio­nen.

Ja, ja.

Sie meinen alle, für dich da zu sein, aber sobald sie glück­lich sind, ist es ihnen egal wie es dir geht…!“

Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778), Schrift­steller, Philosoph, Päd­a­goge, Natur­forsch­er und Kom­pon­ist

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Zitate für Dummies (8)

Was meinte das Lokalblättchen noch vor­let­zten Monat?

Unsere 15 Lokal- und über 30 Man­telredak­teure recher­chieren sorgfältig, über­prüfen die Nachricht­en­quellen und hin­ter­fra­gen Infor­ma­tio­nen.

Bei der heuti­gen falschen Zitatzuschrei­bung

Beim Spiel kann man einen Men­schen in ein­er Stunde bess­er ken­nen­ler­nen, als im Gespräch in einem Jahr.“

Pla­ton (427 – 348 od. 347 v. Chr.), griechis­ch­er Philosoph, Begrün­der der abendländis­chen Philoso­phie

kann man sog­ar sagen, dass sie es aus dem Englis­chen ins Deutsche geschafft hat, und im englis­chen Sprachraum kann man sog­ar zeigen, wer die Falschzuschrei­bung getätigt hat:

Attrib­uted to Pla­to in Con­fi­dence : How to Suc­ceed at Being Your­self (1987) by Alan Loy McGin­nis, this is prob­a­bly a para­phrase of a state­ment which occurs in Let­ter of Advice to a Young Gen­tle­man Leav­ing the Uni­ver­si­ty Con­cern­ing His Behav­iour and Con­ver­sa­tion in the World (1907) by Richard Lindgard: “Take heed of play­ing often or deep at Dice and Games of Chance, for that is more charge­able than the sev­en dead­ly sins; yet you may allow your­self a cer­tain eas­ie Sum to spend at Play, to grat­i­fie Friends, and pass over the Win­ter Nights, and that will make you indif­fer­ent for the Event. If you would read a man’s Dis­po­si­tion, see him Game; you will then learn more of him in one hour, than in sev­en Years Con­ver­sa­tion, and lit­tle Wagers will try him as soon as great Stakes, for then he is off his Guard.”

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Zitate für Dummies (7)

Was meinte das Lokalblättchen noch let­zten Monat?

Unsere 15 Lokal- und über 30 Man­telredak­teure recher­chieren sorgfältig, über­prüfen die Nachricht­en­quellen und hin­ter­fra­gen Infor­ma­tio­nen.

Außer natür­lich, wenn sie irgend­was irgend­wo aus dem Inter­net kopieren und in die Zeitung klatschen. Und wenn man denkt, es geht nicht blöder: Wieso nicht ein­fach nach drei Monat­en ein falsch zuge­ord­netes Zitat nochmal ver­brat­en?

Sei du selb­st, denn alle anderen gibt es schon.“

Oscar Wilde (1854 – 1900), irisch­er Schrift­steller, Lyrik­er, Roma­nau­tor, Dra­matik­er und Kri­tik­er

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Des Kanzlers Leibkoch

POPCORN! Ich weiß ja nicht, ob Sie sich noch erin­nern, aber das ist schon etwas her, da schrieb man beim Lokalblättchen gle­ich auf die erste Seite:

Die Ibben­büren­er Volk­szeitung ste­ht … für ser­iösen Jour­nal­is­mus, geprüfte Fak­ten, Wahrheit und Klarheit

Aber das ist jet­zt auch schon ein biss­chen her. Ne Woche oder so. Wer erin­nert sich denn noch an sein Geschwätz von vor so lan­gen Zeit­en? Jeden­falls haben die jet­zteinen Hob­bykoch inter­viewt: Rüder Ton ver­darb mir den Spaß am Kochen. Gut, klein­er Schnitzer in der Über­schrift: Dem Hob­by­topf­schwinger ist nicht die Spaß am Kochen ver­loren gegan­gen, son­dern das Inter­esse, Rezepte auf chefkoch.de zu veröf­fentlichen. Aber sowas passiert ja schon mal. Warum ist chefkoch.de denn der Erwäh­nung wert?

2003 meldete er sich bei chefkoch.de an, ein Forum, das damals ger­ade fünf Jahre alt war, als kleine Rezept-Daten­bank begann, und heute nach eige­nen Angaben Europas größte Kochcom­mu­ni­ty ist, die nach IVW-Zäh­lung im Jan­u­ar eine neue Reko­rd­marke mit 104,3 Mil­lio­nen Vis­its auf­stellte.

Äh, nein. Das bezieht sich auf den Dezem­ber 2016. Aber sowas passiert ja schon mal. Kochen ist ja jet­zt auch eher so ein dröges The­ma. Vielle­icht kann man das irgend­wie auf­pep­pen. Wie kam denn unser Inter­net­seit­enkoch zu seinem Hob­by?

Im Urlaub an der Algarve in den 1990er-Jahren gab es im Hotel zufäl­lig einen Kur­sus mit Man­fred Schwarz, dem dama­li­gen Koch von Hel­mut Kohl, an dem er teil­nahm. Die Kochlei­den­schaft brach damit endgültig durch.

Der Kan­zler hat­te einen eige­nen Koch? Muss ja stim­men, ste­ht ja in der IVZ. Das hat dann doch das Bun­deskan­zler­amt damals auch bestätigt, was?

Hel­mut Kohl, 62, Bun­deskan­zler (CDU), wit­terte ten­den­z­iöse Berichter­stat­tung schon im Pla­nungssta­di­um eines TV-Beitrages. Ein Redak­teur des Nord­deutschen Rund­funks (NDR) hat­te den Solinger Kan­zler-Werbe­strate­gen Coordt Mannstein um ein Inter­view für ein geplantes Kohl-Porträt “zum 10jährigen Dien­stju­biläum” des Kan­zlers gebeten. In seinem Schreiben erwäh­nte der NDR-Mann, welche “Mitar­beit­er, Weg­bere­it­er und Weg­be­gleit­er” noch zu Wort kom­men soll­ten, unter anderen auch ein gewiss­er “Man­fred Schwarz, Kohls Leibkoch im Dei­desheimer Hof”.

Der Antwort­brief kam prompt, aber aus dem Bun­deskan­zler­amt, und war gerichtet an den NDR-Inten­dan­ten. Darin urteilte Amtschef und Bun­desmin­is­ter Friedrich Bohl humor­los und barsch: “Die ten­den­z­iöse Absicht des Unternehmens ist m. E. ganz offen­sichtlich. Allein das in Aus­sicht genommene Inter­view mit Man­fred Schwarz, ange­blich Leibkoch im Dei­desheimer Hof, ist ent­lar­vend.” Dazu wollte Bohl “nur ange­merkt” haben: “Der Bun­deskan­zler hat keinen Leibkoch! Es han­delt sich hier­bei um ein Restau­rant, das der Bun­deskan­zler lediglich zwei- bis dreimal im Jahr besucht.”

Gott­sei­dank hat die IVZ da noch mal gegen­recher­chiert. Son­st wüssten wir ja gar nichts von solchen Fak­ten. Genau­so wie Tim Mälz­er sein Grühnkohlrezept bei chefkoch.de klaut. Ste­ht auch in der IVZ, es muss also stim­men. Deren Jour­nal­is­ten hin­ter­fra­gen Infor­ma­tio­nen. Die schreiben ja nicht irgen­deinen ungeprüften Stuss vom Hören­sagen in ihre Zeitung wie die Idioten auf Face­book.

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